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Mobilitätsbudget: Sind die Tage der deutschen Fuhrparks gezählt?

Jannyn SaßReiserichtlinien

Durch die Corona-Krise speziell durch die Lockdownphasen hat sich das herkömmliche Geschäftsreiseverhalten von Unternehmen stark verändert. Viele Unternehmen haben zeitweise komplett jegliche Mobilität heruntergefahren, um die Sicherheit der Mitarbeitenden zu gewährleisten. Insbesondere große Unternehmen mit eigenen Fuhrparks hatten das Nachsehen, denn die Autos standen still. Wie sinnvoll ist es, die Fuhrparks abzuschaffen und auf flexiblere Lösungen zu setzen?

Viele Unternehmen suchen aktuell nach flexibleren Möglichkeiten für die Bereitstellung von Mobilitätsangeboten für ihre Mitarbeitenden. Mobilitätsbudgets, mit denen verschiedene Mobilitätsangebote genutzt werden können, liegen daher im Trend. In vielen Ländern, darunter Belgien, Schweiz, Frankreich, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich, hat sich das Mobilitätsbudget bereits fest etabliert. Zahlreiche Unternehmen setzen hier auf die innovative Art der flexiblen Mitarbeiterförderung in Sachen Mobilität.

Was sind Mobilitätsbudgets und was sollten diese abdecken?

Durch Mobilitätsbudget wird Mitarbeitern kein festes dienstlich genutztes Fahrzeug mehr zur Verfügung gestellt. Vielmehr steht dem Mitarbeiter eine bestimmte Summe zum Ausgleich von geschäftlichen Reisetätigkeiten zur freien Verfügung.

In erster Linie sollen Mobilitätsbudgets den Mitarbeitern von Unternehmen dienstliches Reisen auf einer flexibleren Basis ermöglichen. Dazu hinterlegt der Arbeitgeber für die jeweiligen Mitarbeitenden ein bestimmtes Geldvolumen, mit dem die Reisemittel bezahlt werden können. Die einzelnen Mobilitätsdienstleistungen werden definiert und ggf. in der Reiserichtlinie hinterlegt. Geeignet sind Angebote z. B.:

  • der Deutschen Bahn wie BahnCard 100 oder Fernbusse der Deutschen Bahn,
  • die Nutzung bestimmter Carsharing-Angebote,
  • diverse Mietwagen-Optionen,
  • Chauffeurservices,
  • Fahrradverleihsysteme,
  • ÖPNV,
  • Anschlussmobilitäten wie Car-, Bike- oder Scootersharing oder
  • Taxi.

Ob öffentliche Verkehrsmittel wie Bus oder Bahn, Carsharing, E-Bikes, Taxis oder ähnliches – die Mitarbeitenden können für dienstliche Fahrten zwischen unterschiedlichen Verkehrsmitteln wählen oder auch nur ein einziges nutzen. Daher ist das Mobilitätsbudget auch ein Instrument der Mitarbeitermotivation.

Wie sind Mobilitätsbudgets steuerlich einzuordnen?

Wer einen Dienstwagen privat nutzt, bewegt sich damit steuerlich im Feld des geldwerten Vorteils. Dieser muss im Rahmen der 1-Prozent-Regelung oder aber dem Fahrtenbuch versteuert werden. Tritt jetzt ein Mobilitätsbudget an die Stelle eines Dienstwagens, kann auch dadurch ein geldwerter Vorteil entstehen. Hier ist es sinnvoller, Mobilitätsleistungen als Sachbezüge auszuweisen und auf Dienstleister zurückzugreifen, die z. B. eine Art Mobilitätskarte anbieten. Dadurch werden Mobilitätsleistungen wie „Sachbezüge“ behandelt, was den Vorteil hat, dass eine Sachbezugversteuerung sehr viel niedriger angesetzt ist als die Gesamtversteuerung einer Gehaltsauszahlung. Insofern lohnt es sich vor allem monetär für den Arbeitnehmer – der Arbeitgeber kann diesen dann als Benefit für den Arbeitnehmer herausstellen.

Welche Vorteile bringt die Einführung eines Mobilitätsbudets?

  1. Einer der größten Vorteile ist, dass die Anschaffungskosten von Dienstwagen und die z. T. hohen Kosten für Instandhaltung und Versicherungen entfallen. 
  2. Des Weiteren lässt sich die Arbeitgeberattraktivität und die Mitarbeitermotivation steigern. Gerade junge Leute sind gerne mobil und sehen die gewonnene Flexibilität als Vorteil. 
  3. Ein weiterer Vorteil ist, dass Unternehmen auch verstärkt zum Umweltschutz beitragen und nachhaltig handeln: Sie tragen dazu bei, dass weniger Autos auf der Straße unterwegs sind und weniger CO2 ausgestoßen wird.

Welche Anbieter gibt es, um die Umsetzung zu vereinfachen?

Am bekanntesten ist derzeit der von der Audi Business Innovation GmbH und der Mantro GmbH ins Leben gerufene Anbieter Mobiko. Dieser bietet über eine App die Möglichkeit an, ein „Mobilitätskontingent“ zu erstellen, mit dem die Beförderung von Mitarbeitern multimodal und nachhaltig umgesetzt werden kann. Statt eines eigenen Dienstwagens oder eines Jobticket können Unternehmen ihrer Belegschaft mit Hilfe des Tools ein klar definiertes Mobilitätsbudget zur Verfügung stellen, dass diese flexibel nutzen können. Fluidway oder Bonvoyo (von der DB) sind weitere Anbieter im Bereich von Mobilitätsbudgets. Aber auch andere Möglichkeiten stehen zur Verfügung wie virtuelle Kreditkarten mit einem bestimmten Budget oder einem fixen Satz, der mit der monatlichen Gehaltsabrechnung überwiesen wird. Gern beraten wir Sie auch zum Aufsetzen von Mobilitätsbudgets und wie sie diese in Ihrer Reiserichtlinie verankern können.

Welche Mobilitätsangebote machen für den Einsatz von Mobilitätsbudgets am meisten Sinn?

1. Car-Sharing

Insgesamt gibt es in Deutschland 740 Städte mit einem Car-Sharing-Angebot. Als Deutschlands Car-Sharing-Hauptstadt gilt Karlsruhe mit 3,23 Car-Sharing-Fahrzeugen pro 1.000 Einwohner:innen, gefolgt von den Millionenstädten München (2,13), Hamburg (1,61) und Berlin (1,60). Dabei lassen sich die stationsgebundenen von den Free-Floating-Flotten unterscheiden. Die stationsgebundenen Angebote sind hauptverantwortlich für die hohe Dichte des Car-Sharing-Angebotes in den Großstädten, während in den Millionenstädten eher die Free-Floating-Flotten im Einsatz sind [1].

Die Vorteile des Car-Sharings

  • Einfache Buchung: Für die Nutzung eines Car-Sharing-Fahrzeugs ist lediglich die Registrierung bei einem Anbieter notwendig. Umständliche Formularprozesse entfallen. Die Buchung selbst kann dann per App, Internet oder am Telefon erfolgen. Der Autoschlüssel befindet sich vor Fahrtbeginn in einem Tresor an der Station oder auch direkt im Auto über einen PIN-Code.
  • Spontane Buchungsmöglichkeit: Das jeweilige Fahrzeug lässt sich kurzfristig reservieren und steht für kurze Zeiträume zur Verfügung, d. h. sie müssen nicht tageweise gebucht werden.
  • Tankfüllung: Der Treibstoff ist meistens im Preis inklusive.
  • Umweltfreundlich: Die meisten Anbieter sind Elektro-Autos, weshalb emissionsfreies Fahren möglich ist.
  • Kostengünstig: Viele Car-Sharing-Anbieter haben Business-Tarife mit speziellen Konditionen.
  • Entlastung bestehender Fuhrparks großer Unternehmen
  • Einfaches Handling für kleinere und mittlere Unternehmen hinsichtlich Abrechnung
  • Kein eigener Stellplatz notwendig
  • Kostenberechnung nach tatsächlich entstandenem Aufwand (pro gefahrenem Kilometer)
  • Reduktion der Kosten für Taxifahrten oder Mietwagen

Fazit Car-Sharing für Geschäftsreisende

Durch Car-Sharing steht Geschäftsreisenden ein breites und flexibles Angebot jederzeit zur Verfügung. Dienstfahrten können so spontan erfolgen und ohne großen Aufwand gebucht werden. Für weitere Strecken eignet sich eher ein stationsabhängiger Dienst, während für kürzere Strecken innerhalb einer Stadt die Free-Floating-Anbieter unschlagbar sind. Für Unternehmen lohnt sich auch ein Blick auf die Business-Tarife, die viele Anbieter zur Verfügung stellen.

2. Ride-Sharing

E-Hailing sind on-demand-Services, die via App Mobilitätsdienstleistungen bestellbar machen. Ride-Sharing-Angebote sind E-Hailing-Angebote, d. h. sie werden via App bestellt, sind jedoch dafür ausgerichtet, dass sich mehrere Fahrgäste eine Fahrt teilen.

Mit Wundercar, Uber und Berlkönig sind auch in Deutschland die Ride-Sharing-Angebote auf der Bühne erschienen. Dennoch spielen sie international eine eher zweitrangige Rolle.

Denn das regionale Ride-Sharing, der on-demand-Service für innerstädtische Fahrten, entwickelt sich in Deutschland langsamer als in anderen Ländern. Während das ursprünglich vielversprechende Hamburger Start-up Wundercar sich aus dem deutschen Markt zurückgezogen hat, verfolgt Uber für Deutschland eine verstärkte Push-Strategie, um dem Gegenwind der Taxi-Lobbyisten entgegenzutreten. Doch dieser weht immer noch stark.

Im internationalen Vergleich antworteten die Teilnehmer einer Umfrage mit Ja auf die Frage, ob sie schon eine E-Hailing-App für einen Fahrdienst oder ein Taxi genutzt hätten [2]:

  • 82% in Sao Paulo
  • 81% in Moskau
  • 78% in Shanghai
  • 74% in Mexiko Stadt
  • 72% in Singapur
  • 64% in Hong Kong
  • 55% in Seoul
  • 54% in Paris
  • 53% in New York City
  • 33% in London
  • 19% in Berlin
  • 14% in Tokyo.

Daraus wird ersichtlich, dass Deutschlands Hauptstadt weit hinter Sao Paulo, Moskau oder Shanghai liegt. Welche Ride-Sharing-Angebote existieren in Deutschland?

Die Top-Kandidaten des Ride-Sharings

Berlkönig, das ist ein Service des öffentlichen Berliner Nahverkehrs. Damit stellt die BVG mit dem on-demand-Service seit dem 7.9.2018 ein gut frequentiertes und vor allem komfortables Angebot zur Verfügung. Via App wird der Kleinbus bestellt und los geht es. Dass es sich dabei um Ride-Sharing handelt, dafür sorgt Berlkönig: Die Route wird immer so berechnet, dass mit möglichst wenig Umwegen möglichst viele Fahrgäste mitfahren können.

Relevanz für Geschäftsreisende: Ist Ride-Sharing wirklich eine Option für Geschäftstermine?

Ride-Sharing wie z. B. mit BerlKönig eignet sich als Alternative zum Öffentlichen Nahverkehr und wenn eine schlechte Park-Situation vor Ort zu erwarten ist. Ansonsten sind Car-Sharing-Angebote oder auch sogenanntes Ride-Hailing wie z. B. FreeNow (vorher MyTaxi) für Geschäftstermine innerhalb einer Stadt praktischer, um längere Strecken innerstädtisch zu überbrücken. Im Fall der „Letzten-Meter-Mobilität sind auch Mikromobilitäts-Services interessant.

3. Micromobility

Das Stadtbild hat sich in den letzten zwei Jahren vielerorts verändert: innovative Angebote der Mikromobilität sind wie Pilze aus dem Boden geschossen: elektrisch betriebene Varianten von Tretrollern, Skateboards, eScootern, Segways, Hoverboards usw. 

Klares Pro der eScooter wie auch der eBikes ist ihre Flexibilität, das Clean-Driving durch Null-Emission und die Schnelligkeit vor allem auf urbanen Kurzstrecken. Nachteilig ist – wie auch bei den e-Cars beschriebene Verwendung von umweltschädlichen Batterieelementen wie Lithium und Kobalt. Bestimmte Anbieter wie VOI kontern dieser Kritik mit einer Aufladehäufigkeit von bis zu 10.000 Mal, so dass eine Lebensdauer pro Roller von einem Jahr möglich ist. Ein Jahr emissionsfrei im Gegenzug zur Herstellungsweise. Negativ in der Kritik standen auch die Auflademethoden selbst, die nur clean sind, wenn sie durch nachhaltige Stromquellen aufgeladen wurden und nicht aus Kohle- oder Ölkraftwerken stammen [3]. Des Weiteren wurden das Einsammeln der leeren eScooter durch herkömmlich angetriebene Transporter kritisiert. Dennoch: es gibt keine Emissionen!

eScooter

Mit Lime, Circ, Bird, Voi, Tier, Uber Jump sind E-Scooter-Sharing-Dienste im Sommer 2019 auf den Markt gekommen. VOI aus Schweden ist dabei aktuell der größte Anbieter in Europa, während Lime aus den USA sein Angebot bereits in über 40 europäischen Städten ausrollen konnte. Dott und Uber rücken nach [4]. Die eScooter-Dienste stellen damit ein zusätzliches Angebot zur Verfügung, um innerstädtisch schnell Kurzstrecken zu überwinden. Die meisten Scooter lassen sich in Berlin finden. 4.800 Scooter werden hier zur Verfügung gestellt, während es in München rund 2.000-3.000 Scooter sind [5].

eBikes

Sie hatten sich mehr versprochen: Als 2017 die asiatischen Bike-Sharing-Anbieter auf dem deutschen Markt erschienen, blieb der nötige Erfolg aus. Innerhalb von nur 3 Monaten verschwand Ofo aus Berlin und arrangierte wenig später den gesamten Flotten-Rücktransport nach Asien. Obike aus Singapur ist insolvent. Auch Donkey aus Dänemark musste die Flotte aus deutschen Orten wieder abziehen [6]. Viele Angebote sind verschwunden. Aber der Traum war noch nicht zu Ende geträumt und einige Anbieter wie Nextbikes, Lidlbikes, Limebikes, Mobike oder Jump konnten sich halten. Mit ihnen lassen sich auch weitere Strecken innerstädtisch zurücklegen mit Geschwindigkeiten von bis zu 25 km/h.

Relevanz für Geschäftsreisende: Micromobility

In erster Linie versprechen eScooter und eBikes ein erhöhtes Maß an Individualität und Flexibilität. Die Anbieter selbst wollen in erster Linie für Privat- aber auch für Geschäftspersonen Alternativen zum öffentlichen Nahverkehr anbieten. Für kurze innerstädtische Strecken stellen sie ein sehr gutes Angebot dar, das auch von vielen Geschäftspersonen angenommen wird, um von einem Termin zum nächsten zu kommen [7]. Für weitere innerstädtische Strecken greift Geschäftsmann/-frau doch eher auf den öffentlichen Nahverkehr, E-Hailing-Services oder herkömmliche Taxidienste zurück.

Online-Seminare vom VDR zum Aufsetzen von Mobilitätsbudgets

Um tiefer in das Thema Mobilitätsbudget einzusteigen, empfehlen wir die Seminare der VDR-Akademie. Der VDR ist einer der größten Verbände im Bereich der Reiseindustrie und des Mobilitätsmanagements. Aktuell werden Online-Seminare zum Thema Mobilitätsbudget angeboten. Hier erfahren Sie, was hinter dem Mobilitätsbudget steckt und wie Sie es in Ihrem Unternehmen umsetzen können. Sie erfahren u. a. mehr zu:

  • Mobilitätsbudget als Alternative zum Dienstwagen-Angebot
  • Einführung eines Mobilitätsbudgets
  • Von der Car Policy zur Mobility Policy
  • Marktüberblick verschiedener Modelle & Funktionsweisen
  • Aspekte des Steuerrechts und Vertragswesen
  • Potential des Mobilitätsbudgets auf Arbeitgerattraktivität und Nachhaltigkeitsziele

Die nächsten Termine finden Sie hier: https://www.vdr-service.de/mobilitaetsbudget.

 

 

 

 

 

[1]

https://carsharing.de/alles-ueber-carsharing/carsharing-zahlen/carsharing-staedteranking-2019

[2] Die Statistik zeigt die Ergebnisse einer Umfrage zur Nutzung einer E-Hailing-App – um damit eine Mobilitätsdienstleistung zu buchen – in ausgewählten Metropolen weltweit im Jahr 2018.

[3]

https://www.chip.de/news/E-Scooter-massiv-in-der-Kritik-Fuer-die-Umwelt-ein-kleines-Desaster_171626743.html

[4]

https://www.chip.de/artikel/Lime-Circ-Bird-Voi-Tier-Uber-Jump-im-Test-Die-besten-E-Scooter-Sharingdienste_170385530.html

[5]

https://de.statista.com/infografik/18871/zahlen-zu-e-scootern-in-deutschland/

[6]

https://www.zeit.de/mobilitaet/2019-05/bike-sharing-leihraeder-anbieter-asien-e-bike-markt

[7]

https://www.welt.de/wirtschaft/webwelt/article196972943/E-Scooter-Elektroroller-von-Tier-Lime-Circ-und-Voi-im-Test.html

 

Inhaltsverzeichnis

Was sind Mobilitätsbudgets und was sollten diese abdecken?

Wie sind Mobilitätsbudgets steuerlich einzuordnen?

Welche Vorteile bringt die Einführung eines Mobilitätsbudets?

Welche Anbieter gibt es, um die Umsetzung zu vereinfachen?

Welche Mobilitätsangebote machen für den Einsatz von Mobilitätsbudgets am meisten Sinn?

Online-Seminare vom VDR zum Aufsetzen von Mobilitätsbudgets

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